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kategorie das leben

drei minuten

der tag begann mit einem merkwürdigen traum. merkwürdig bizarr, und ab einem gewissen punkt verstörend. wenn ich die augen schließe, flimmert diese szene noch immer über die rückwand meines kopfes, wie die luft am horizont an einem heißen tag: ein bett, auf dem ich mit mehreren personen sitze. ein alte freundin ist dabei. ist es eine party? ein geheimes ritual? vom gefühl her wäre beides möglich.

die freundin ist plötzlich verschwunden - wie vom erdboden verschluckt. vom bett. ohne es genau zu wissen, weiß ich es. die stelle, an der sie saß, ist zu einer wässrigen mulde geworden. meine augen schleudern panische blicke in die gesichterlosen schatten um mich herum.

“wir haben drei minuten!!” skurril, zu welch medizinischer anaylse man in einer regellosen welt wie dieser plötzlich fähig ist. drei minuten ohne atmung. die angst vor dem ergebnis dieses gedanken setzt sich wie eine bombe aus flüssigem blei in meinem kopf frei.

ich reiße die decke vom bett, stoße meine arme tief in ein loch in der matraze. der bezug dehnt sich unter dem druck wie eine falltür aus gummi scheinbar kilometerweit in ein dimensionsloses nichts. ich komme nicht durch. ich wühle, grabe, reiße. fühle dunkle stiche in meinem rücken, aus augen, die nicht da sind.

der bezug ist weg. war wahrscheinlich nie da. wasser füllt die aufgeweichte wunde im stoff der matraze. ich sehe dinge darin schwimmen. sie quellen hervor, als würde dieser kleine abgrund erinnerungen ausspucken. meine arme rudern tief hinein in die dunkle flüssigkeit. in mir tut sich ein riß auf zwischen der hoffnung, die freundin zu retten und dem wunsch, nichts greifen zu können. um keinen toten körper an die oberfläche zerren zu müssen.

teddybären, tücher und dinge, die ich nur als formlose statisten auf einer fassungslosen bühne verstehe, schwimmen wild auf dem wellenbad dieses verzweifelten kampfes umher. irgendwann sitze ich nur noch da, ohne mich daran zu erinnern, wann es aufgehört hat. sitze da und denke an ihren vater. erinnere mich an filme, in denen am telefon die nachricht über verunglückte menschen überbracht wird. versuche worte zu formen, die ich ihm sagen werde.
und wieder ein innerlicher riss: die gewissheit, etwas schreckliches mitteilen zu müssen, gegenüber dem makaber sachlichen gefühl, dass etwas einfach nur beendet wurde - etwa wie wenn man einen mietvertrag kündigt.

als ich vorhin mit einem kaffee in der hand und dem bedürfnis im kopf, diesen traum hier aufzuschreiben, auf meinem balkon stand, war die umgebung in nebel gehüllt. der erste in diesem sommer. jetzt, am ende des textes, hat er sich aufgelöst. nicht aber das flimmern des traums und der merkwürde geschmack nach chrom hinter meiner stirn.

fragst du dich eigentlich auch ab und zu, ob solche nächtlichen geschichten vielleicht doch auch wirklich passieren? einem anderen dir passieren, in einem anderen hier?

ein funken in der nacht

silvester. 1992, wenn ich mich recht erinnere…
drei freunde, noch jung genug, einen abend wie diesen ohne highlife und mädchen zu genießen. nur wir, saft und chips, in einem gartenhäuschen mit ausblick auf unsere stadt. und das funkgerät.

dennis und olli waren damals ganz versessen auf’s funken - und auch wenn sie mich mit dieser leidenschaft nie wirklich anstecken konnten, war ich ihnen nach diesem abend sehr dankbar dafür. bis heute.

wir lernten lukas kennen. hobbymäßig die gleiche wellenlänge, technisch gesehen dieselbe frequenz. reiner zufall. er saß da draussen im irgendwo seines zimmers vor seinem gerät und tauschte mit uns stimme und stimmung aus. im hintergrund war gekichere zu hören - die ältere schwester, erzählte lukas uns, mit zwei freundinnen. und dann musste er los, die mädels aber blieben. nun stand es drei zu drei, und spaßpingpong, über den äther gespielt, ließ die stunden verpuffen.

es hätte genauso gut mein erster und letzter kontakt mit caro gewesen sein können. doch an diesem abend schien auf einem geheimen stockwerk unserer welt eine maschine angesprungen zu sein. gezündet durch einen funken aus dem nichts und darauf programmiert, zufall auf zufall wie flugblätter über unseren weg zu streuen, um caro und mich zusammen zu bringen; was dann irgendwann auch geschah, obwohl meine schüchternheit damals wie ein bremsfallschirm auf unserem ersten höhenflug in sachen liebe wirkte.

der zufall ist eines der vielen gesichter unseres lebens, und er beherrscht die verschiedensten mimiken. seinem lachen bin ich in dieser geschichte begegnet. eine magische macht, die zu erklären in etwa so schwierig ist, wie der versuch, die wärme eines lächelns durch die anatomie der gesichtsmuskeln zu begreifen.

caro und ich waren übrigens nicht sehr lange ein paar. um genau zu sein vom 9.3. bis zum 3.9. - wunderbare, verdrehte welt. und meine erste große liebe, entfacht durch einen funken in der nacht.

aus sand, aber deins

innerhalb unserer modernen markenmatrix hat sich eine neue ebene entwickelt. oder anders ausgedrückt: eine meta-marke. sie durchwirkt die medienlandschaft und zieht viele durch einen simplen, jedoch höchst effektiven mechanismus in ihren bann - indem sie die konsumenten gleichzeitig zum produkt werden lässt. popstars, supermodel, kochduell, heimwerkerkönig. do it yourself - DIY. drei buchstaben mit womöglich mehr macht, oder zumindest mehr begeisterungspotential, als bmw oder ibm.

auch wenn die karrieren der regelmäßig neu gefeierten helden einschlägiger fernsehformate meist einer stubenfliegen-ähnlichen lebenserwartung unterliegen, beeinflusst das gehypte selbstbewusstsein 2.0 in nicht zu unterschätzendem maß auch den alltag hinter der mattscheibe. und das positiv, wie ich finde.

do it yourself

hornbach fordert auf: “mach es zu deinem projekt”. eine botschaft, die in meinen augen über unsere vier wände hinaus geht, denn hier wird genau genommen ein neues lebensgefühl propagiert. und was meint ikea doch gleich? “entdecke die möglichkeiten”… eben, genau das machen die menschen. sie üben melodien mit singstar, kochen mit jamie oliver, lernen vom checker etwas über autos, spielen hollywood auf youtube oder bloggen ihr leben in die welt hinaus.

was sich hier also entwickelt hat, ist eine wechselwirkung zwischen interessen, möglichkeiten und ergebnissen. täglich entstehen millionenfach kleine ideen und werke, die mit anderen geteilt werden und diese anspornen können. DIY als perpetuum mobile der entfaltung, angestoßen durch die energie der medien. und auch wenn die methoden der menschen dabei so vielfältig sind, wie ihre ansprüche und ergebnisse - das prinzip bleibt dabei doch so einfach, wie es erfüllend sein kann. also, hör auf nike: “just do it”

plastinierte realität

gunther von hagens’ körperwelten haben damals die wahrnehmung des menschen geteilt. in moralischer hinsicht, wie auch, durch die art der darstellung seiner exponate, buchstäblich auf visuelle weise. und eigentlich hat er sich doch nur des vorbilds der natur bedient, nacktes leben in einer quasi eingefrorenen momentaufnahme zu präsentieren, wie es beispielsweise in bernstein gefasste insekten und fossilien darstellen - oder ötzi, star aus dem eis.

es ist eine kunst für sich, dinge in einer unmittelbaren (be)greifbarkeit zu präsentieren. ich erlebe einen tonkrug aus der römerzeit, offen stehend auf einem podest vor mir, viel intensiver, als auf einem foto. ganz klar. plastizität ist vorgekaute nahrung für unsere augen und kombiniert mit der aura lebensnaher erfahrung, wie etwa die pose, die von hagens seinem staffelläufer verliehen hat, steigt das erlebnis auf eine besondere stufe.

wenn du meinen gedanken hier in verschiedenen texten nachgegangen sein solltest, ist dir sicherlich aufgefallen, wie wichtig vergleiche für mich sind. auch wenn sie ab und an lediglich wie beiläufige floskeln wirken mögen, erfüllen sie für mich vielmehr die aufgabe, bezüge und aussagen intensiver vor augen zu führen. plastizität, mal wieder. und auch wenn ich hier schon des öfteren über william gibsons romane geschrieben und daraus zitiert habe (hier oder hier oder hier oder hier), ist mir erst kürzlich während der lektüre seines neusten werkes quellcode endlich bewusst geworden, wie seine art zu schreiben sich für mein verständnis durch die oben beschriebenen kunstformen verdeutlichen lässt.

quellcode

“Nachdem sie Albertos Denkmal für Helmut Newton angesehen hatte, das in Erinnerung an dessen Schaffen aus einer Menge monochromer Nacktheit in Art-déco-ähnlichem Stil bestand, ging sie zu Fuß zurück zum Mondrian. Es war dieser merkwürdige und flüchtige Zeitpunkt, der zu jedem sonnigen Morgen in West Hollywood gehört, wenn ein Ewigkeit versprechender Duft nach Chlorophyll und sich im Verborgenen erwärmender Frucht die Luft veredelt, kurz bevor sich die Abgasdecke über die Stadt senkt. Dieser Eindruck einer peripheren Schönheit aus einer Zeit vor dem Sündenfall, von etwas, das ein wenig mehr als hundert Jahre zurückliegt, aber in diesem Moment schmerzhaft gegenwärtig ist, als ob man sich die Stadt von heute einfach von den Brillengläsern wischen und vergessen könnte. (…)
Sie sah hinunter auf das Fleckenmuster von schwarzgewordenem Kaugummi auf dem Gehweg. Auf die braunen, beigen, faserigen Rückstände des Sturms. Und fühlte diesen leuchtenden Moment vergehen.”

körperwelten, bernsteinwesen oder diese passage aus quellcode… ein vergleich in zwei worten für diese drei arten immanenten lebens:
plastinierte realität.

eine relativitätstheorie

verbindest du punkt A mit punkt B, entsteht zwischen ihnen eine linie. der kürzeste weg - eine direkte verbindung. ohne weitere attribute für diese punkte ist es nicht mehr und nicht weniger. fügst du solche jedoch noch hinzu, entsteht eine relation. süß - sauer, stuttgart - berlin, aktion - ergebnis.

setzt du nun einen punkt in einen kreis wird es knifflig. ja, man kann sagen, der punkt ist bestandteil der kreisfläche. aber welche relation besteht darüber hinaus? genau: ohne attribute ist es lediglich eine langweilige zeichnung. nur, wenn du nun eines morgens aufwachst, eben dieses bild in deinem kopf rumschwirrt und eine unsichtbare hand in blockbuchstaben fein säuberlich “du” neben den punkt und “dein leben” neben den kreis schreibt, fühlst du dich plötzlich etwas seltsam.

das ganze wirkt ein wenig leer. keine verbindung, keine relation. macht das sinn? ob dieser eingebung identifizierst du dich unweigerlich stark mit diesem punkt. auf gewisse weise haltlos in einem ungewissen raum ohne ecken. du wartest, ob es sich die hand doch anders überlegt, noch einmal erscheint und “haha, war nur spaß!” dazu setzt, aber sie tut es nicht. ok, was nun? du hockst da, starrst löcher in die luft, verbindest sie zu einem fragezeichen, dann zu einem ausrufezeichen. planlosigkeit? warnung? satzzeichen. nicht sehr hilfreich. es ist nur ein kreis mit punkt, also komm runter, alles gut. aber das nimmst du dir nicht ab. noch mehr löcher in der luft, noch weniger durchblick. nur das seltsame gefühl bleibt gleich…

und dann keimt trotzigkeit in dir auf, wie bei einem kind, dem man sagt, dass es etwas nicht weiß oder nicht kann. wo auch immer du bist, du erkennst, auf einer stufe angekommen zu sein, die etwas von dir fordert. eine definition der dinge: attribute und relationen. perspektiven.

als ein mensch, der sich in einer mit visuellem sinn aufgeladenen welt zu hause fühlt, erfährst du die reduktion des jetzt auf einen kreis und einen punkt als schmerzlichen hinweis darauf, dass dir etwas fehlt. tiefe und farbe, das liegt auf der hand. vielleicht sogar auf der selben, die dir die fragwürdigkeit vor augen geführt hat.

aber plötzlich ist etwas anders. dein blick schwebt noch immer in der luft, als sich wie aus dem nichts eine unbestimmbare ruhe in dir ausbreitet. und ein gefühl zu wissen, was dir das fehlende zurück geben kann. du schließt die augen und erblickst wieder den punkt und den kreis. auch die hand ist da. du führst sie neben den ersten punkt und setzt einen zweiten hinzu. darunter ein bogen, parallel zum kreis. die langweilige zeichnung hat sich gewandelt. neue relationen. ein smiley. zuversicht.


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