archiv für dezember 2009
22. dezember 2009 um 09:19 · abgelegt unter die medien

douglas rushkoff nennt sie cyberia: die welt, die sich hinter dem tv-bildschirm, im computerspiel oder durch die telefonleitung eröffnet. der amerikanische medienphilosoph beschreibt unsere reise in ein neues zeitalter. und captain picard wäre stolz - teleporter und holodeck zugleich, vereint in moderner kommunikationstechnologie. wir betreten ein anderes raum-zeit-kontinuum. doch wer ist “wir”? wir sitzen doch noch auf der einen seite und steuern lediglich alter egos. gesandte in angepasster form, ausgestattet mit den mitteln des möglichen. die bilder hier zeigen unsere entwicklung als homo cyberiansis. und werfen die frage auf, wieviel menschlichkeit es letztenendes auf die andere seite schafft.



james cameron macht es vor: avatar könnte ein meilenstein der verkörperung des lebens in der künstlichkeit werden. schließlich sollen doch die unzähligen 3D-designer, renderzeiten und dollars nicht umsonst gewesen sein, oder? auch nicht, wenn die vielleicht nur durschnittliche story eine vergleichsweise ärmliche rechtfertigung für solch ein reiches werk darstellt. aber bevor sich diese unsummen an geld in luft auflösen, ist es doch ein guter plan, sie in ein bahnbrechendes projekt wie dieses zu investieren, stimmt’s?
doch schluss mit der moralpredigt. wir haben schließlich eine mission, und die lässt sich nicht aufhalten. warum auch? ich weiß noch gut, wie begeistert ich war, als mein erster PC mit VGA-grafik dem alten amiga zeigte, wohin der sich seine 32 farben stecken konnte…
vor 50 jahren markierte sputnik das ziel, das uns menschen zeigen sollte, wozu wir fähig sind. unser neues ziel liegt viel näher und doch so fern. ist es nicht um ein vielfaches schwieriger, leben in die maschinen zu schicken, als auf den mond?
menschen bevölkern die künstliche welt. das ist vision A. nun drehen wir den spieß wieder um. was ist vision B? ein wort: surrogates
auch hier haben wir ein beispiel aus hollywood, das unter dem strich besten falls durschnittlich ist. was hier aber besticht, ist das prinzip: menschen schicken ihre künstliche kopien hinaus ins alltagsleben. kein unfall, kein überfall, nichts kann uns mehr etwas anhaben. denn die urversion liegt geschützt in den eigenen vier wänden und ähneln visuell bestenfalls entfernt ihren perfekt optimierten “ersatzmitteln”. kennst du das von irgendwoher? klar. das internet & co.

wenn wir also glück haben, brauchen wir uns in ein paar jahrzehnten überhaupt nicht mehr vom fleck bewegen. in beide richtungen schicken wir abbilder, die die welten für uns meistern. ist doch toll, bequeme aussichten. dann fehlt mir nur noch ein roboter, der mir den sabber aus dem gesicht schaufelt, mir ab und an die augen befeuchtet und den bart stutzt, während ich mit einem seligen grinsen im hier/dort-interface stecke und meine kopien steuere. eigentlich alles ganz einfach! muss gleich mit sparen beginnen, sonst hinke ich irgendwann der zeit hinterher - oder dem mensch-sein. ach, wie auch immer…
19. dezember 2009 um 12:20 · abgelegt unter das leben

es ist 1 uhr nachts und draussen ist es klirrend kalt. das spärliche licht erhellt die gesichter einer gruppe kinder mir gegenüber. sie sind in rote gewänder gehüllt und lachen mich an. kurz darauf sehe ich gebetsfahnen. ein kleines dorf in 4000 metern höhe. wälder, die sich aus dem nebel schälen. ein verschneiter gipfel, der auf seinen zwilling in einem bergsee herabblickt.
ich bin in bhutan.
7000 km entfernung, die ich in diesem moment nur durch das ausstrecken meines arms überwinden kann. denn vor mir liegt ein buch von matthieu ricard. der fotograf und freund des dalai lama hat das letzte buddhistische königreich im himalaya auf 230 seiten reinem fernwehbalsam vor mir ausgebreitet. ich bin diesem faszinierenden kleinod, das im schatten zwischen den riesen indien und china liegt, leider noch nicht so nah, wie ich es mir wünsche. und doch zeigen mir die unglaublich lebendigen bilder das gesicht eines zwerges, der zufrieden in sich versunken, in völligem einklang mit seinen traditionen, seiner religion und seiner natur, ein überaus harmonisches dasein genießt.
dieser zustand ungestörter erfülltheit wäre vermutlich nicht möglich, wenn sich bhutan nicht lange der welt enthalten hätte. und auch jetzt, nachdem das land langsam seine grenzen geöffnet hat, ist es vielen noch unbekannt. ich würde mir wünschen, das jeder es bereisen könnte, denn was ich bislang darüber erfahren habe, klingt weitgehend einzigartig. aber dies dauerhaft erhalten zu können setzt wahscheinlich voraus, dass möglichst wenige fremde ihren weg dorthin finden. sonst wird es wohl nur eine frage der zeit sein, bis das juwel des himalaya anfängt sich zu trüben.



19. dezember 2009 um 11:03 · abgelegt unter die medien

wenn die spielidee glänzt, braucht es keine strahlenden effekte.
wer die ersten computerspiele kennt, weiß was gemeint ist…
das flashgame “the company of myself” ist ein glänzendes beispiel. bereits der besinnliche einstieg in die gedankenwelt der spielfigur weckt neugier. der einsame erzähler begleitet dich durch die einfach gestaltete und mit wunderbarer musik untermalte jump’n'run-welt. während der einführung gelangt man an ein hindernis, das man allein nicht überwinden kann. doch das dilemma der figur ist eben genau dies: sie ist allein. scheinbar. denn wer ist schon allein, wenn man sich selbst zu helfen weiß? durch drücken der leertaste offenbart sich der clou. das level wird zurückgesetz und es erscheint eine kopie deines kleinen helden - und diese wiederholt genau die bewegungen, die du bis zu diesem zeitpunkt ausgeführt hat. also positioniert du dich und damit die folgende kopie vor dem hindernis, und das echte ich kann so darüber hinweg klettern. auch komplexere herausforderungen sind kein problem. du kannst zahlreiche alter egos generieren, die je nach planung mehr oder weniger organisiert herumwuseln und deiner strategie den weg ebnen…
einfach genial - und umgekehrt. definitiv zu schön, um es in der mittagspause zu spielen. allein schon wegen der musikalischen stimmung…
the company of myself spielen
17. dezember 2009 um 11:45 · abgelegt unter die medien

wir menschen haben einen weiten weg zurückgelegt. urstämme bewohnten höhlen, wanderten in neue regionen, gründeten siedlungen, die über jahrhunderte zu städten heranwuchsen. auch in der schönen neuen welt kann man diese entwicklung beobachten. aus kleinen chatrooms und newsgroups wurden foren und als krönung der web2.0-schöpfung die megacities der sozialen netzwerke: second life, facebook, twitter & co.
was damals mutige entdecker für die menschheit erschlossen, bieten uns heute zahllose server rund um den globus: freiraum zur besiedelung - unbegrentztes neuland in einer parallelwelt, in der wir uns heimisch fühlen können, banal ausgedrückt. jeder hat seine adresse, seinen briefkasten, kann seine virtuellen vier wänden mit allerlei gimmicks dekorieren und sich mit anderen austauschen. eine tolle sache das!
die vorteile liegen auf der hand: es geht schnell und bequem und man erreicht viele menschen. im grunde wie das flugblatt-verfahren, nur cooler, flexibler, vielschichtiger - und ohne die straßen mit regenwald zu tapezieren.
der nutzen geht natürlich noch über die rein technischen vorzüge hinaus. von der kommerziellen motivation der anbieter mal abgesehen, liegt hier eindeutig ein modetrend vor. es ist “in” auf facebook zu sein. die welt kennt und nutzt es. das gilt natürlich auch für verwandte netzwerke. es verleiht einen gewissen status - man ist up-to-date. auch wenn die teilnahme an solchen websites mittlerweile so normal ist, dass man das nicht mehr wahrnimmt.
up-to-date ist man auch über alles und jeden, der sich dort tummelt. denn die darstellungsarten, die sich bieten, von profilen über gallerien zu pinnwänden, bieten raum en masse, jede auch nur erdenkliche information über sich zu publizieren. und, oh wunder, das reizen viele aus bis zum geht-nicht-mehr. ich mache es, weil es möglich ist - so eine mögliche unausgesprochene parole. dabei wird natürlich sortiert. während intime details peinlichst penibel vor der gierigen onlinewelt gehütet werden, finden umso mehr banale äußerungen ihren weg in den datenstrom. “X kocht sich gerade lecker spaghetti” - “Y gefällt das (daumen-hoch-icon)”. aber das ist ja noch gar nichts. user laden sich gegenseitig zu internen games ein, in denen man farmen betreut und sich dort gegenseitig aushilft. ist das nicht faszinierend? eine welt in der welt. und es geht noch mehr: man kann sich auf facebook sogar geschenke schicken! wer braucht da noch smileys, um gefühle auszudrücken?
um es mal anzumerken: ich bin kaum aktiv bei facebook. soll weder heißen: ich schwimme stolz gegen den strom, noch: ich bin nicht offen genug dafür. ich weiß nur noch nicht so recht, was ich davon halten soll. ich beobachte das geschehen und wundere mich oft darüber.
doch social networks faszinieren mich irgendwie. sie haben ein eigenleben entwickelt, das der “alten welt” in vielem ähnlich ist und sich dennoch auf anderen ebenen bewegt. “wohin?” ist da nur eine der fragen, mit denen ich mich beschäftigen möchte. das “warum?” ist schon beantwortet: weil es möglich ist.
12. dezember 2009 um 14:52 · abgelegt unter die medien

“wir haben online so viele freunde, dass wir ein neues wort für die echten brauchen.”
mit dieser headline aus ihrer neuen kampagne für die welt kompakt deutet die stuttgarter agentur dorten ein komplexes phänomen des internets an. wie ein prisma bricht das web die bedeutungen sozialer und kultureller elemente in neue begriffe dafür auf. aus suchen wird googlen, aus telefonieren wird skypen. der computer ist zur verlängerung unseres arms, und das internet zur erweiterung unserer welt geworden. aber das ist keine neuigkeit.
andersherum betrachtet finden in den medien auch längst begriffe ihre bühne, die bereits verschiedene bedeutungen in sich tragen: der mitsubishi “pajero” kann als kraftausdruck verstanden werden. die ard-fernsehlotterie wirbt durch eine phrase deutscher kolonialpropaganda für einen “platz an der sonne”. selbst der name dieser website hier mag auf gewisse sexuelle neigungen schließen lassen, wie mir ein freund und wikipedia letztens verrieten…
entwickelt sich unsere (medien)welt so rasant und vielschichtig, dass uns langsam die begriffe ausgehen? oder bringt sie eher so viel neue begriffe hervor, dass die bedeutungen knapp werden?
FACK, FAQ oder fuck können verwand klingen, haben aber im netzjargon unterschiedliche bedeutung - so wie ein kreis ein buchstabe, eine zahl oder eben nur ein kreis ist. in solchen fällen klärt der kontext die ungereimtheiten. wo ist also das problem? nicht im verständnis - aber vielleicht im umgang.
wenn eben etwas fundamentales wie freundschaft durch unseren umgang mit dem internet neue dimensionen und namen bekommt, verändert sich dann auch der ursprüngliche sinn? so wie übermäßige zellteilung krebs genannt wird?
nun, ich will nicht zu dramatisch klingen. aber auch wenn ich weiß, dass dorten die kampagne keineswegs gegen das internet richtet, hat sie mich recht nachdenklich gestimmt. um es mit einem zitat aus dem welt kompakt-spot zu beschließen:
“umzingelt uns das internet oder umzingeln wir gerade die welt?”
was denkst du?
ältere einträge »